


Ein Opfer, ein vermeintlicher Täter und ein ermittelnder Kommissar, der Roman "Ins Weiße zielen" von Ricardo Piglia sieht wie ein Kriminalroman im klassischen Sinne aus. Doch weit gefehlt. Der Kommissar ist bei weitem kein Held, den man bewundert und der Täter ist eher das Opfer. Beim Werk des argentinischen Autors steht vieles Kopf. Er macht sein Buch zu einem politisch-kulturellen Roman. Ein Roman, der mehr an die reale Arbeit der verschiedenen Berufsschichten erinnert, als an die typischen Methoden eines Kommissars, wie man sie in unzähligen Filmen und Romanen immer wieder serviert bekommt, damit die Zuschauer und Leser auf spannende Weise bei Laune gehalten werden. Es ist sicher nicht einfach, sich in Piglias Roman zurechtzufinden. Die Ermittlungsarbeit des Kommissars wird immer wieder unterbrochen von der Arbeit und den Notizen eines Journalisten, der über den Fall berichten soll. Doch wer sich darauf einlässt, der wird belohnt mit einem außergewöhnlichen Roman, bei dem sich Realität und Einbildung zusammen mit Vorurteilen zu vermischen scheinen. Unwillkürlich versucht man zwischen den Zeilen zu lesen, versucht mehr über die Hintergründe zu erfahren. Doch kaum meint man, dem Verborgenen auf der Spur zu sein, wird man von Piglia wieder fortgerissen, stellt sich eine weitere Frage, die zu einem weiteren vermeintlichen Ziel führt. Argentinisches Landleben vermischt sich mit den Begebenheiten in der Großstadt, was dabei wahr ist und was erfunden, das weiß man am Ende nicht mehr. Ins Weiße zielenist kein Roman für die entspannte Freitag-Abend-Lektüre, weil man immer wieder versucht, hinter die Kulissen zu blicken. Hinter die Kulissen eines Mannes, eines Berufes und hinter die eines Verbrechens sowieso. Aber auch hinter die Kulissen eines gesamten Staates samt seiner Geschichte. Und das dürfte vor allem für europäische Leser eine gewisse Schwierigkeit darstellen. Trotz allem und wahrscheinlich gerade deswegen ist Ins Weiße zielenaber eine neue Art, einen Roman zu verfassen, die man sich sicherlich nicht entgehen lassen sollte.
Ricardo Piglia
Ins Weiße zielen
Aus dem argentinischen Spanisch von Carsten Regling
256 Seiten, 19,90 €
erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, 2010
ISBN 978-3-8031-3232-1


