


Stellen Sie sich vor, sie stranden auf einem Flughafen irgendwo in Südamerika, hören plötzlich ein Lied, das Ihnen irgendwie bekannt vorkommt…und plötzlich ist nichts mehr wie es war. Und Ihr Vater erzählt Ihnen, dass ihre Eltern gar nicht ihre leiblichen Eltern sind, sondern dass diese in eben jenem Land zu Tode gefoltert wurden. Sie machen sich ganz alleine auf die Suche nach ihrer wahren Familie, und finden sie…und finden sich plötzlich in einer völlig neuen, anderen Realität wieder: zwischen zwei Familien, zwischen zwei Welten, mit neuer Identität und der Erkenntnis, dass alles, an das sie bisher geglaubt haben, das ihnen vertraut war, das sie geliebt haben, plötzlich wie ein Kartenhaus über ihnen zusammenbricht…
Eine Situation, die beinahe unvorstellbar ist. Aber sie hat einen durchaus realistischen Hintergrund. In Argentinien wurden während der Militärdikatur die Kinder von tausenden jungen Familien verschleppt, entführt und zu regimekonformen Familien gebracht. Im Film „Das Lied in mir“ ist es Anton Falkenmayer, der mit seiner Frau zu dieser Zeit in Argentinien gearbeitet und die junge Maria nach dem plötzlichen Verschwinden ihrer Eltern mit nach Deutschland genommen hat. Als Maria bei einer Reise nach Chile in Buenos Aires ein Kinderlied hört, fühlt sie auf einmal etwas ihr bislang völlig Unbekanntes und gleichzeitig völlig Nahes in ihr aufsteigen. Und damit beginnt die Geschichte. Die Suche nach der eigenen Identität, der Zugehörigkeit, der Wahrheit. Auf dem Weg dorthin liegen viel Freude, und noch mehr Tränen…viel Wut und Hass, und noch mehr Verzweiflung, Unsicherheit und Zukunftsangst - sollte man meinen. Doch in vielen Punkten bleibt der Film zu sehr an der Oberfläche. Die Hintergründe der Militärdiktatur werden kaum erwähnt, als sei Marias Geschichte ein Einzelfall.
„Das Lied in mir“ erzählt dennoch eine sehr bewegende Geschichte. Das Schicksal, das innerhalb weniger Tage über Maria hereinbricht und die Unbegreiflichkeit der Konsequenzen, machen den Zuschauer trotz einiger Fehler in der Geschichte schweigsam und betroffen. Und da ist es auch ganz egal, dass die schauspielerische Leistung der Hauptakteure, allen voran Maria, dargestellt von Jessica Schwarz und ihr Vater, gespielt von Michael Gwisdek, nicht immer überzeugen. Manche Szenen wirken etwas gestellt und lenken vom eigentlichen Kern der Erzählung eher ab als dass sie nutzen. Die Darsteller der argentinischen Familie hingegen überzeugen. Zu schnell ist allerdings die Suche nach Verwandten erfolgreich, wenn man bedenkt wie lange und intensiv die Suche nach der wahren Identität von vielen Kinder mit verschleppten Eltern in Wirklichkeit durch die Organisation Abuelas de Plaza de Mayo gedauert hat. Doch auch das wird letztlich überdeckt von der beinahe unfassbaren Gewalt des Schicksalsschlags, den die junge Maria erleiden muss. Das Lied in mir, ist ein Film, der auf jeden Fall bewegt, für Zuschauer mit Hintergrundwissen jedoch weniger geeignet.
Regisseur: Florian Cossen
Sprache: Deutsch
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Produktionsjahr: 2010
Spieldauer: 89 Minuten


